Wie schlank ist schlank wirklich?

Ein Beitrag auf Phönixbanner hat mich nachdenklich gemacht. Wie schlank sind Minimalsysteme wirklich? Zur Erläuterung: Minimalsysteme verfolgen die Philosophie, dass nur das nötigste abgebildet wird und das alles andere der Spielrunde überlassen wird. In diesem Sinn folgen die heutigen Minimalrollenspiele dem Rulings not Rules der Oldschool.

Doch werden dadurch nicht letztlich nur die Regelwerke dünner, ohne dass das Spiel insgesamt weniger Spielregeln bräuchte. Schon in traditionellen Rollenspielen werden viele Dinge impliziert. Die Aufgabenteilung zwischen Spielleiter und Spieler, das Entwickeln von Abenteuern oder auch schlicht die Gewichtung zwischen unterschiedlichen Spielinhalten etc. werden im besten Fall nur angerissen. Das Ergebnis merkt man, wenn man mal bei einer anderen Runde mitspielt. Sofort stellt sich ein gänzlich anderes Spielgefühl ein. Im schlimmsten Fall ist es der Unterschied sogar so stark, dass sich das Spiel wie ein gänzlich anderes Spiel anfühlt.

Bei Minimalrollenspielen werden noch weniger Punkte durch den Designer vorgegeben. Dabei verschiedenen die nicht behandelten Punkte jedoch nicht auf wundersame Weise, sondern müssen immer noch durch die Spielrunde geregelt werden. Im Ergebnis bleibt also nur ein blankes Fundament übrig, auf dem man erst irgendetwas bauen muss, bevor man losspielen kann. Und die Ergebnisse werden dabei so unterschiedlich sein, dass sie kaum zueinander kompatibel sein werden.

Man kann sich natürlich fragen, inwiefern die Inhalte, die am Spieltisch Form annehmen, überhaupt kompatibel sein müssen. Letztlich interessiert es doch Gruppe A nicht, was Gruppe B spielt, oder?

Nun vielleicht doch, denn zum Rollenspiel gehört ja auch eine soziale Komponente jenseits des Spieltisches dazu, bei der man sich mit Gleichgesinnten, also anderen Spielern desselben Spiels, austauscht. Je minimaler aber der gemeinsame Spielrahmen ist, desto schwieriger wird die Kommunikation. Der Austausch wird daran scheitern, dass es kaum ein vergleichbares Spielerlebnis gibt, noch weniger als bei den traditionellen Spielen.

Dies mag auf den ersten Blick unwichtig erscheinen, nur fördert der Austausch über das Spielgeschehen die Bildung einer Community und einer solchen Community bedarf es letztlich, wenn ein Spiel wirklich aufblühen soll.

Sind Minimalsystem darum schlechter als traditionelle Spiele? Mitnichten. Man muss allerdings im Auge behalten, dass bestimmte Dinge, die bei traditionellen Spielen bereits in den Büchern steht, bei Minimalsystemen an anderer Stelle behandelt werden müssen.

tl;dr

Minimalsysteme haben nicht weniger Regeln, sondern nur weniger niedergeschriebene.

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3 Gedanken zu „Wie schlank ist schlank wirklich?

  1. Hi Sven,

    Dass das Spielgefühl sich von Gruppe zu Gruppe stark unterscheidet kann ich zumindest für die Flyerbücher bestätigen. Wir hatten schon alles von Psycho-Sozial-Runde bis Funny-Action-Steam-Basteln – mit den gleichen Regeln und den gleichen Szenarien. Der Grund ist einfach, dass die unterschiedlichen Leute auf jeweils andere Inhalte der Flyer anspringen.

    Und das ist auch notwendig, weil die Flyer durch die Minimierung der Inhalte darauf bauen müssen, dass die Spieler ihre eigenen Archetypen mitbringen und einbringen. Wir versuchen, Anregungen für das Kopfkino zu geben, aber nicht, ein detailliertes Drehbuch zu liefern. Dafür haben wir nicht den Platz…

    Anders sieht es in dem Science-Fiction Quellenband aus, an dem wir zur Zeit arbeiten. „Technophob“ hat zwar nicht viel mehr Grundregeln als die Flyer, aber dafür viel mehr Anregungen und Beispiele, die zeigen, wie ein Spiel funktionieren kann und welche Stimmung er vermittelt. Und fasst inzwischen fast 150 Seiten: http://1w6.org/proj/technophob

    Der Grund dafür ist, dass hier eine fremde Welt gezeigt wird, für die die meisten Spieler noch keine ausreichend starken Stereotypen haben, auf denen wir aufbauen können. Es reicht nicht „Echsenmensch“ zu sagen. Bei den Flyern dagegen habe ich schon drei verschiedene Interpretationen von „Echsenmensch“ gesehen (Kalt oder Erzähler oder Einfach). Alle drei haben gut funktioniert – aber natürlich ein jeweils anderes Spiel geliefert. Sie hatten alle ein paar Aspekte von dem Bild, das wir beim Schreiben im Kopf hatten – und ein paar, an die wir nicht gedacht haben.

    Daher würde ich sagen, dass Minimalsysteme entweder als One-Shot funktionieren (da ist es unproblematisch, wenn sich Runden stark unterscheiden, weil Leute sich hier eher gegenseitig erzählen würden, wie das Spiel *bei Ihnen* lief) oder aber für Hintergründe, für die die meisten Spieler bereits starke Vorstellungen haben, so dass das System auf diesen Vorstellungen aufbauen kann.

    Z.B. würden die Flyer problemlos als Zusatzmaterial für einen Film funktionieren: Die Leute kommen aus dem Kino und haben dadurch bereits Ideen für eine Plotstruktur, für Stimmung, für Charaktere, usw. Sie brauchen also nur noch eine möglichst einfache Grundlage, um diese Ideen umzusetzen.

    • Um noch kurz auf dein Fazit einzugehen: Minimalsysteme haben weniger *eigene* Regeln. Im Idealfall nutzen sie die bereits existierenden Vorstellungen ihrer Spieler, um die notwendigen eigenen Regeln zu minimieren. Dafür müssen sie allerdings so flexibel sein, dass sie in Kombination mit den verschiedensten Vorstellungen jeweils ein gutes Ergebnis liefern.

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